Longieren beim Pferd
Longieren – Zweck und Grundlagen
Das Longieren ist eine der ältesten und gleichzeitig vielseitigsten Trainingsmethoden zur Bewegung und Gymnastizierung des Pferdes. Ohne Reitergewicht kann der Vierbeiner konditionell gearbeitet, muskulär aufgebaut und mental gefördert werden. Richtig eingesetzt stärkt das Longieren die Rückenmuskulatur, verbessert die Balance, schult die Taktsicherheit und wirkt zugleich als gelenkschonendes Konditionstraining. Für junge Pferde dient es als vorbereitende Gymnastik vor dem Aufsitzen, bei älteren oder rehabilitierenden Pferden als schonende Mobilisierungsmaßnahme. Entscheidend für den Erfolg ist dabei nicht nur die Dauer der Arbeit, sondern vor allem korrekte Technik, passende Ausrüstung und sinnvolle Übungsabfolgen.
Wann ist Longieren sinnvoll?
Longieren eignet sich für:
-
Anwärmen und Loslockern vor dem Reiten.
-
gezieltes Muskelaufbau- und Konditionstraining.
-
Korrektur von Takt- oder Verspannungsproblemen.
-
Arbeit bei Trainingspausen oder zur Wiederanbindung nach Krankheit.
Kurz: Longieren ist weit mehr als bloßes „Rundenlaufen lassen“ – es ist ein gezieltes Gymnastikprogramm.
Longierausrüstung – sicher und pferdegerecht
Die richtige Ausrüstung ist Bedingung für pferdegerechte Longenarbeit. Schlechte oder ungeeignete Hilfsmittel erzeugen Fehlbelastungen und können Schmerzen verursachen.
Grundausstattung
-
Longiergurt (Surcingle) – stabiler Gurt mit mehreren Ringen zur Befestigung von Hilfszügeln oder Longierseilen. Er liegt über dem Rippenbereich und wird mit Pad oder Satteldecke kombiniert, damit keine Druckstellen entstehen.
-
Longierleine / Longe – hochwertige Longe aus Leder oder modernerem Material, in unterschiedlicher Länge (7–12 m) je nach Platz und Trainingsziel. Sauber und knotensicher aufbewahren.
-
Kappzaum – sehr empfehlenswert, da der Zugpunkt am Nasenrücken liegt und die Hilfen fein und pferdegerecht übermittelt werden. Er ermöglicht korrekte Anlehnung ohne schmerzhafte Druckspitzen im Maul.
-
Pad oder Satteldecke – schützt die Haut unter dem Gurt.
-
Longierpeitsche – kein Schlagmittel, sondern Verlängerung des Arms zur nonverbalen Unterstützung – Länge und Material dem Longführer anpassen.
-
Stricke und Hilfszügel – Seitenzügel, martingalkähnliche Anbindungen oder die Longenbrille nur mit Bedacht verwenden; sie ersetzen nicht die korrekte Hilfengebung.
-
Roundpen / Zirkelfläche – ideal ist ein weicher, trittfester Boden mit gutem Untergrund zur Schonung der Gelenke.
Was vermieden werden sollte
-
Reines Longieren mit Stallhalfter – dies ist für gymnastische Arbeit ungeeignet und kann schmerzhafte Druckstellen erzeugen.
-
Trensenring als direkter Longenansatz – verursacht oft unpräzise, schmerzhafte Einwirkungen.
-
Zu harte oder verstellte Hilfszügel ohne fachliche Kenntnis – sie können das Pferd blockieren.
Sicherer Aufbau der Longiereinheit
Ein strukturierter Ablauf sichert Trainingsfortschritte und minimiert Risiko:
1. Kontrolle von Ausrüstung und Boden
Vor Beginn wird Gurtlage, Pad und Kappzaum geprüft. Die Longe muss frei von Knoten sein, der Boden trittfest, aber nicht steinhart.
2. Aufwärmen – Loslösung schaffen
Beginnen auf der großen Volte im Schritt – ausgedehnte, ruhige Runden. Ziel ist eine Lockerung der Kaumuskulatur, Schulter und Halsmuskulatur; das Pferd soll aufmerksam, aber entspannt arbeiten.
3. Grundgangarten und Übergänge
Übungen in klaren Übergängen – Schritt–Trab–Schritt – festigen den Gehorsam und die Aufmerksamkeit. Die Stimme dient als direkter Impuls: „Trab“ – klarer Ton, „Halt“ – ruhige aber bestimmte Ansage.
4. Gymnastizierende Elemente
-
Tempowechsel – kleine Zwischenphasen von versammtem bis aktiverem Trab; steigern die Hinterhandaktivität.
-
Biegungen und Volten – verkleinern/ vergrößern des Zirkels, häufige Handwechsel für gleichmäßige Bemuskelung.
-
Stangenarbeit / Cavaletti – Hebt die Taktqualität, schult Koordination und stärkt Rücken.
-
Figurenarbeit – Acht- und Schlangenlinien über den Zirkel, Schulterherein an der Longe (nur von erfahrenen Longenführern einführen).
5. Cool-down und Entspannung
Die letzte Phase sollte das Pferd in einen ruhigen Schritt zurückführen, idealerweise auf der „guten Seite“ beginnen, damit es in Balance nachlassen kann. Abbindung und Abschirmen der Hilfsmittel – Gurt lösen, Pad entfernen.
Übungen im Detail – Varianten und Fortschritt
-
Tempoübergänge sind zentrale Gymnastikübungen – sie fordern die Hinterhand und verbessern das Gleichgewicht.
-
Verkleinern/Vergrößern des Zirkels wirkt wie ein gezielter Gymnastikreiz für Rumpf und Rückenmuskulatur. Acht– und Schlangenlinien fordern die Aufmerksamkeit und Geschmeidigkeit.
-
Stangensysteme können im Trab meisterhaft koordinative Fähigkeiten ausbilden; im Galopp sind kleine Sprünge gegen Muskelverkrampfungen nützlich – stets auf korrekte Landungen achten.
-
Doppellonge – fortgeschrittene Technik für feine Anlehnung und Seitengänge; nur nach solider Longegrunderfahrung und mit guter Fachkenntnis einsetzen.
Stimme, Körpersprache und Peitsche – das Feintuning
Die Arbeit an der Longe ist ein Zusammenspiel aus Stimme, Lage des Körpers und feinen Longengaben. Die Stimme liefert rhythmische Signale; Körperposition des Longenführers – vorn zum Parcourieren, hinten zur Aktivierung – beeinflusst Takt und Richtung. Die Peitsche ist Unterstützungs- nicht Bestrafungsinstrument – sie verlängert die Hand und kann punktuell zum Antreiben dienen.
Häufige Fehler und wie man sie vermeidet
-
Zu langes Longieren – über 25 Minuten kann Muskelermüdung und Stress verursachen.
-
Einseitigkeit – zu lange Arbeit ausschließlich auf einer Hand führt zu Schiefheiten. Häufiger Handwechsel ist Pflicht.
-
Unpassende Hilfmittel – z. B. falsch verschnallte Longierbrille oder zu enge Hilfszügel blockieren die Schulterfreiheit.
-
Unsauberer Boden – Rutschige oder steinige Flächen gefährden Gelenke; ein gut vorbereiteter Longierplatz schützt.
Sicherheit – für Pferd und Longenführer
Sicheres Longieren beginnt mit der Vorbereitung: Handschuhe, stabile Schuhe, Abstand zu Hindernissen und aufmerksame Körpersprache. Die Longe nie um die Hand wickeln – Gefahr der Unfallverletzung. Bei jungen Pferden oder nervösen Exemplaren ist ein Roundpen mit niedriger Wandhöhe hilfreicher als ein offener Zirkel.
Longieren als vielseitiges Trainingsmittel
Richtig angewandt ist Longieren ein hocheffektives, sanftes und vielseitiges Instrument zur Ausbildung und Erhaltung der Leistungsfähigkeit von Pferden. Es verlangt Fachkenntnis, Fingerspitzengefühl und Verantwortungsbewusstsein seitens des Longenführers – nur so entfaltet die Arbeit ihr volles gymnastisches Potenzial. Wer sich systematisch weiterbildet und die Signale des Pferdes ernst nimmt, findet im Longieren ein unverzichtbares Element in der reiterlichen Ausbildung.